Andrea Graf, M.A.

Lechenich auf 8mm. Erinnerungen an die 60er Jahre – Aspekte eines Filmprojekts

Der Inhaber eines Wäschegeschäfts Otto Junker und sein Freund der Bäckermeister Theo Minten filmten zwischen 1965-69 Feste, Bräuche und das Vereinsleben, aber auch den Arbeitsalltag, die Landschaft und deren Sehenswürdigkeiten sowie die baulichen Veränderungen in ihrem Wohnort Lechenich. Lechenich ist heute ein Stadtteil Erftstadts, zwischen Köln und Bonn gelegen. Die beiden Hobbyfilmer erschufen so Szenen, die bis 2014 unveröffentlicht blieben, für einen der ersten „Imagefilme“ einer Landstadt mit damals ca. 4000 Einwohnern. Anlass der Filmaufnahmen war das 150jährige Bestehen des Kreises Euskirchen 1966 zu dem der Kulturausschuss im Stadtrat, die beiden Hobbyfilmer mit einem „Kulturfilm“ beauftragte. Dieser Vorgang, Bürger, die privat über eine Kamera verfügten jedoch über keine professionelle Filmerfahrung, mit einem Film, der die Selbstpräsentation der Stadt darstellen sollte zu beauftragen, zeigt, wie wenig medienerfahren man zu dieser Zeit noch war und wie selten Kameras in Privatbesitz waren. Der Film der beiden Amateurfilmer ist wohl 1969 notdürftig fertiggestellt jedoch, nachdem der Produktionsanlass lange verstrichen war, nie öffentlich aufgeführt worden. Eine finale Filmrolle existiert nicht. Übrig blieben diverse Filmrollen mit 8mm Material und ein Senkelband mit einem halbfertigen Sprecherkommentar. Der Enkel einer der Filmemacher fand im Nachlass seines Großvaters die Rollen. Diese wurden 2014 vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte digitalisiert und veröffentlicht, da sie ein seltenes filmisches Dokument der ländlichen Alltagskultur darstellen. Unter Beibehaltung des originalen Sprecherkommentars wurde das Material neu geschnitten, mit Zeitzeugen aus Lechenich wurden, ausgehend vom Filmmaterial, zusätzliche Interviews geführt, die in den (neuen) Film via Splitscreen integriert wurden. Das Ergebnis heute ist ein Film über den soziokulturellen Wandel im ländlichen Raum.

Der Vortrag fragt nach den Produktionsbedingungen, den Distributionswegen und der Rezeptionssituation dieser audiovisuellen Repräsentation Lechenichs: Was war den Filmemachern in den 1960er Jahren wichtig über ihre Stadt zu erzählen? Warum wurde der Film nie fertiggestellt? Wie wird das Material von den fünfzig Jahre später befragten Zeitzeugen interpretiert und kommentiert? Was löst der Film über ihre Stadt heute bei den Zuschauern aus? Methodisch und theoretisch nähert sich Graf dem Thema über die Aspekte: Film als zeitgeschichtliches Dokument, Fragen zum Einsatz von Interviews im Dokumentarfilm und der Rolle des Films im Erinnerungsprozess. Der Vortrag wird mit kurzen Filmsequenzen bebildert.

Andrea Graf M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn. Bereits innerhalb ihres Studiums der Volkskunde/Europäischen Ethnologie an der Universität Münster und ihrer dortigen Tätigkeit als WHK beschäftigte sie sich mit kulturanthropologischem Dokumentarfilm. Dies setzte sich in ihrem wissenschaftlichen Volontariat im LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn fort, wo sie an zahlreichen Filmproduktionen mitwirkte. Das Filmprojekt „Lechenich auf 8mm“ betreute sie 2014 freiberuflich als Filmautorin.

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