Benjamin Eugster, M.A.

Putting Creative Tools in the Hands of Individuals on a Large Scale. Videoschnittsoftware als versteckter Aktant audiovisueller Partizipation

Das Zitat aus der überarbeiteten Ausgabe eines Videoschnitt-Handbuch aus dem Jahr 1998 bezieht sich auf die Einführung professionelle Formen der Videobearbeitung in das semi-professionellen Segment der „Prosumer“. Im Vergleich zu dieser emphatischen Ankündigung des partizipativen Potentials von Bearbeitungssoftware überrascht es, dass deren Bedeutung gerade auch mit der letzten Welle partizipativer Diskurse im Zuge des Web 2.0 und einer zunehmenden Audiovisualisierung von digitaler Kommunikation eher eine periphere Rolle zugekommen ist.

Ebenso wie die journalistische Aufmerksamkeit, orientiert sich auch die wissenschaftliche Aufmerksamkeit gegenüber alltäglichen Medienpraktiken nach der diskursiven und ökonomischen Sichtbarkeit der jeweiligen neuen Medientechnologien. In Hinblick auf audiovisuelle Amateurpraktiken bedeutet dies, dass einerseits die Produktion und Sichtbarmachung neuer Medienformate (z.B. Selfies) die differenzierten Bearbeitungspraktiken bestehender Formate überschattet. Andererseits bedeutet dies auch eine Dominanz von medientechnologischen Innovationen, deren distinkter Charakter sich besser für eine Kommodifizierung als Gadgets (z.B. Video Drohnen) eignen. Dabei kann hinsichtlich der diskursiven Sichtbarkeit beobachtet werden, dass die Produktion von Bewegtbildern deren Bearbeitung stets überschattet, während in der ökonomischen Sichtbarkeit Hardware klar über die Software dominiert.

Der Beitrag soll vor diesem Hintergrund thematisieren, wie Videobearbeitungssoftware seit spätestens Mitte der Neunzigerjahre als versteckter Aktant digitaler Medienpartizipation fungiert. Diese mangelnde Sichtbarkeit lässt sich zum einen auf den Umstand zurückführen, dass sich der Erwerb von Bearbeitungssoftware aufgrund von Piraterie in eine schwieriger regulierbare Distribution eingebunden ist und sich daher weniger stark für die Kommodifizierung innerhalb eines Prosumer-Segmentes anbietet. Zum anderen lässt sie sich auch auf die mediengeschichtlich gewachsene, bewusst zurückhaltende Ästhetik des „continuity editing“ zurückführen, deren Funktion in den nahtlosen Übergängen und daher der Verschleierung der eigenen Wirksamkeit liegt.

Basierend auf Beispielen aus der ersten Dekade der Streaming-Plattform YouTube (2005-2015) soll die willentliche und unwillentliche Sichtbarmachung digitaler Videobearbeitung als distinkter Medienpraktik aufgezeigt werden. Dadurch wird insbesondere die Standardisierung der Produktions- und Postproduktionsverfahren von semi-professionellen Videos herausgearbeitet. Dies ist für die alltagskulturelle Erforschung von Bewegtbildern von besonderem Interesse, da damit nicht nur die veränderten Arbeits- und Distributionsbedingungen, sondern auch die divergierende Konzeptionen von Amateurkultur empirisch angegangen werden können.

 

Benjamin Eugster ist Mitarbeiter im Bereich Bildungstechnologien (BBiT) im Vizerektorat Lehre und Entwicklung der Universität Basel. Er hat in Zürich und Prag Populäre Kulturen, Filmwissenschaft und Tschechische Literaturwissenschaft studiert und 2013 sein Masterstudium abgeschlossen. In seinem Promotionsprojekt beschäftigt er sich mit dem Aufeinandertreffen von medialen Partizipationskonzepten unterschiedlicher Generationen am Beispiel eines institutionalisierten Remix-Wettbewerbs. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Medienaneignung, software studies, Diskurse des Populären und audiovisuelle Unterhaltungskulturen. Kürzlich ist sein Artikel „Random Access Montage. How Online Access Has Changed Amateur Video Editing” im ACTA Journal Media and Film Studies erschienen.

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