Dr. Petra Missomelius

Visuelle Tagebücher: online-Videokulturen Jugendlicher 

Der Beitrag fokussiert aktuelle Online-Video­kulturen, welche z. B. in tagebuchähnlichen Videochannel-Subgenres wie millionenfachen „What’s in my bag“, „Let’s play“ u.v.a.m. vorzufinden sind.

Die erkenntnisleitende Frage des Beitrags betrifft die Relevanz dieser online-Videos für die Laien-ProduzentInnen selbst, besonders was ihr Selbstbild betrifft. Handelt es sich um eine Spielart der Imitation, welche sich in die affirmative mediale Verwertungskette einreiht und darüber Bestätigung und Zugehörigkeit erfährt? Sind dann Wiederholung und geringe Varianz notwendige Elemente, wenn es um die Selbstver­ge­wisserung der Zugehörigkeit zu einem virtuellen „Wir“ geht? Sind die Videos eigenständige handlungsstrategische Mittel einer sich online formierenden jugendlichen Partizipationskultur? Inwiefern sind diese Videos längst Ausdruck neoliberaler Instrumentalisierung des dargestellten Selbst und als solche Selbsttechnologien?

Im Beitrag stehen weniger Vernetzungskontext (die Vergemeinschaftungstendenzen und Kommentarkultur der aktuellen Videoplattformen und ihrer Communities) im Vordergrund als vielmehr die Frage nach den medienhistorischen Vorläufern. Widmet man sich den in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts – dem Zeitpunkt, als die Praxis des Fotografierens zu einem Massen­phänomen wurde – also den zu dieser Zeit angenommenen Gewohnheiten in der Produktion und im Gebrauch von Fotografien, so wird deutlich, dass viele davon noch heute wirksam sind, wenn auch angesichts des Prozesses der Digitalisierung deutliche Brüche erkennbar sind. Kulturwissenschaftliche Studien zeigen deutlich, dass auch die Haltung der Fotografie-Nutzer von einer gewissen Uniformierung der Privatfotografie beeinflusst und bestimmt ist.

Im Alltag der Medienkulturgesellschaft spielt die Einbindung in mediale Dispositive eine über­ragende Rolle, indem Medienkonfigurationen und medial geprägte Wahrnehmungen sowie daraus entstehendes Handeln unmittelbar miteinander verflochten sind. Dementsprechend ist Populärkultur zunehmend von Ausdifferenzierung, Pluralität, Komplexität und Individualität geprägt. Zur Untersuchung der Medienkulturgesellschaft müssen methodische Herangehensweisen an mediale Phänomene der Populärkultur daher trans- und interdisziplinär sein. Die hier angestellte Annäherung an die online-Videokultur beruht auf unterschiedlichen disziplinären Zugängen, etwa der visuellen Kulturanthropologie, der Jugendkulturforschung, der Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie den Cultural Studies, welche allesamt zur Untersuchung einzelner, einander bedingender Aspekte dieses Feldes in ein methodenplurales Vorgehen münden, um der Komplexität der Bild­verwendung und seinen kontextuellen Verflechtungen nachgehen zu können.

 

Dr. Mag. Petra Missomelius, Film- und Medienwissenschaftlerin, Univ.-Ass. Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, Fakultät für Bildungswissenschaften im Arbeitsbereich Medienpädagogik und Kommunikationskultur. Habilitationsprojekt zu Bildung in trans­formativen Medienkulturen. Vortragsrelevante Publikationen:

„Pics und Klicks. Online-Fotografien zwischen Selbstinszenierung und De-Subjektivierung“. In: In: Marcus S. Kleiner und Michael Rappe (Hrsg.): Methoden der Populärkulturforschung. Münster: LIT-Verlag Reihe „Populäre Kultur und Medien“, 2012.

„Bewegtbildpraktiken zwischen traditionellen und digitalen Medien:  Mashup als para­digmatische Form digitaler Medienkulturen“. In: Thomas Wilke, Florian Mundhenke und Fernando Ramos (Hrsg.): Mashups. Theorien – Methoden – Ästhetik. Springer VS, 2015.

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