Dr. Ulrich Hägele

Learning by doing. Walter Kleinfeldts Familienfilme 1925-1940 und was wir heute darin sehen können

In den frühen 1920er Jahren steckte das Kino selbst noch in den Kinderschuhen. Die laufenden Bilder waren stumm und auch der Farbfilm war noch nicht erfunden. Um so erstaunlicher erscheint, dass sich damals bereits Fotoamateure hobbymäßig damit beschäftigt haben. Sie mussten buchstäblich bei Null anfangen. Walter Kleinfeldt war einer dieser Pioniere. 1899 in Freiburg im Breisgau geboren, absolvierte er 1915 in Reutlingen ein Notabitur und meldete sich mit sechzehn Jahren als Kriegsfreiwilliger an die nordfranzösische Front. Nach dem Krieg verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Ansichtspostkarten und gründete in Tübingen ein Fotogeschäft – was das Equipment betrifft, saß er sozusagen an der Quelle. Mit einer Zeiss Ikon Movikon dreht Kleinfeldt bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges rund vier Stunden Filmmaterial, in der Hauptsache im familiären Umfeld – seit 1936 sogar in Farbe. Die 16mm-Kamera war sündhaft teuer: für den Ladenpreis von 900 Reichsmark hätte man 1930 drei Leicas bekommen.

Hägele geht von den Filmen als Primärquelle aus und versucht wesentliche Szenen zu analysieren, um eventuelle inhaltliche Stereotype und Eigenarten des praktischen Herangehens sowie die mögliche Aspekte einer spezifischen Ästhetik herauszufiltern. In einem zweiten Schritt ist daran gedacht, einzelne Bildsequenzen thematisch mit dem Bildmotiven aus dem Familienalbum der Kleinfeldts zu vergleichen.

Als Methode steht das ikonographisch-phänomenologische Herangehen im Vordergrund. Zu fragen wäre: Wie inszenierte Walter Kleinfeldt seine Filme – welche visuellen Muster lassen sich erkennen? In wiefern nutzte er dabei sein fotografisches Vorwissen? Besonders spannend wäre es nicht zu letzt herauszufinden, ob in Kleinfeldts Filmen auch politische und gesellschaftliche Aspekte aus der Zeit der Weimarer Republik und NS wiederkehren.

Dr. Ulrich Hägele arbeitet seit über 20 Jahren wissenschaftstheoretisch über Visuelle Kultur und fotohistorische Themen und ist Co-Vorsitzender der Kommission Fotografie der DGV. Er hat zahlreiche Bücher sowie Aufsätze veröffentlicht und herausgegeben – darunter insbesondere die wissenschaftliche Reihe „Visuelle Kultur. Studien und Materialien“.

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