Jasmin Böschen

Zum ästhetischen Potenzial von Handys. Eine Untersuchung des Einsatzes von Handyfilm in Bildungskontexten

Dass Smartphones längst aus dem Alltag Jugendlicher nicht mehr wegzudenken sind und daher in der Schule nutzbar gemacht werden sollten, steht in ähnlicher Form in fast allen filmpädagogischen BringYourOwnDevice-Projekten, die sich in den letzten Jahren an Schulen und in medienpädagogischen Institutionen einer wachsenden Beliebtheit erfreuen.
Die ubiquitäre Verfügbarkeit von Smartphones stellt aber noch kein schlüssiges Argument dafür dar, diese Praktik nicht kritisch zu hinterfragen: Wodurch erlangen die digitalen Kleingeräte denn überhaupt ihre Berechtigung in Unterricht und Seminaren und wie lassen sie sich sinnvoll  integrieren? Wie kann man die Bildung einer ästhetischen und/oder forschenden Haltung gegenüber Film mittels Smartphones anregen? Welche „neuen“ Erfahrungen können mittels der Geräte gemacht werden?
Gerade die emotionale Verbundenheit Jugendlicher zu ihren Geräten und die Tatsache, dass Handys mit ihrem Alltag eng verbandelt sind, könnte ein Ausgangspunkt dafür sein, ästhetische Praktiken mit dem Handy aus den Bildungskontexten raus und in den Alltag der Jugendlichen hinein fließen zu lassen und auch eine stärkere Reflexion über die Nutzung von Bildern in unserem Alltag anzuregen.

Auf der Konferenz werden die Ergebnisse meiner Master-Abschlussarbeit des Lehramtes für Bildende Kunst präsentiert. Das Problem der Erforschung von ästhetischen Bildungsprozessen sind ihr unsicheres und unsichtbares Outcome. Ein Zuwachs an ästhetischer Bildung ist weder empirisch belegbar, noch lässt er sich zwangsläufig sprachlich artikulieren. Daher wurden die Potenziale des Einsatzes von Handys in filmvermittelnden Projekten anhand der Projektkonzepte auf theoretischer Ebene untersucht.
Hierzu wird die mobile Kamera aus historischer Perspektive beleuchtet, um die Differenz bzw. den Mehrwert, den die Mobiltelefone durch spezielle Charakteristika gegenüber anderen Kameras besitzen, zu umreißen. Die Ubiquität und Hybridität der Geräte steht dabei im Fokus. Daneben wird sich mit der Frage befasst, wie ein Handeln mit der Kamera „ästhetisch“ werden kann.
Ausgehend von dem von Jens Badura vorgeschlagenen Begriff, der „ästhetischen Dispositive“, der sich wiederum auf Michel Foucaults Dispositiv-Begriff bezieht, wird untersucht, welche Dispositiv-Verschiebungen dafür im Kontext des Handyfilms sinnvoll sind. Bernhard Waldenfels Begriffe von Erlebnis und Erfahrung werden daneben den Zusammenhang von medienpädagogischen und kunstpädagogischen Anliegen deutlicher machen.
Darüber hinaus werden die gewonnen Schlüsse auf zwei Projektkonzepte, die explizit das Handy als Kamera einsetzen, übertragen und die Projekte auf der Konferenz vorgestellt. Dies sind zum einen das Hamburger Projekt MobileMovie, das sich die Größe des Gerätes zunutze macht, um es an ungewöhnlichen Orten zu platzieren und so das filmische Experiment zu fördern. Zum anderen das internationale Projekt 24frames-24hours, welches seinen Ursprung in Neuseeland hat und speziell die Mobilität mit den Geräten und die Vernetzung via der Geräte nutzbar macht. Beiden ist gemein, dass sie sich künstlerisch an die russische Avantgarde, einmal an Alexander Rodtschenko, einmal an Dziga Vertov, anlehnen und daraus einen Teil der theoretischen Basis für ihr Konzept bauen. Außerdem weicht die Produktion von Handyfilmen vom Dispositiv des Kinos ab, sodass der Black Cube keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt, sondern auch neue Formen der Präsentation diskutiert werden können.
Die Erforschung der spezifischen medialen Strukturen und ästhetischen Möglichkeiten des Handyfilms scheint mir dringlich angezeigt, sodass die Filmarbeit mit Handys nicht in ökonomischer Perspektive zur kostengünstigen Alternative verkümmert, die Schüler_innen und Student_innen problemlos mit einer Filmkamera versorgt. Stattdessen dient mein Vortrag dazu, die  alternative Erzählformen, wie den Experimental-, Dokumentar- und Essayfilm, anregenden Aspekte des Handyfilms zu betonen.

 

Jasmin Böschen schloss im Sommer 2015 den Studiengang Lehramt an Gymnasien Bildende Kunst / Französisch an der Universität Hamburg sowie Hochschule für bildende Künste Hamburg ab. Sie interessiert sich als Filmschaffende für die Frage, wie und ob sich in der Schule und anderen Bildungskontexten eine künstlerisch-ästhetische Filmarbeit mit dem Handy etablieren lässt.

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