Michael Geuenich, M.A. und Sebastian Thalheim, M.A.

Bilder für den Speicher. Über Verwendungspraxen des privat-familialen Schmalfilms

Landeten vormals entwickelte und unentwickelte Schmalfilmrollen auf dem Speicher, so ruht digitales privates Filmmaterial heute, ähnlich selten genutzt, auf digitalen Speichern in Form von Chipkarten, Festplatten, Clouds. Zugleich stellten und stellen die Akteure private Bildmedien vorrangig zum
Zwecke der Erinnerung und im Vertrauen auf zeitlich uneingeschränkte Verständlichkeit gleichsam als Form eines ›kulturellen Gedächtnis‹ her. Wie aber lässt sich die erinnerungsstiftende und -bewahrende Funktion der Filme übereinbringen mit einer lediglich sporadischen Konsumption derselben (so die Befunde erster explorativer Interviews) – und welche anderen Funktionen erfüllt die private Filmrezeption? Unterliegen die Praxen der Vorführung vernakularer Filme einem Funktionswandel? Und unterscheiden sich analoge und digitale Bildmedien dabei grundlegend voneinander?

Der Beitrag soll Antworten auf diese Fragen nachgehen, unter besonderer Berücksichtigung der Verwendungspraxen privater analoger Amateurfilme der Normal- und Super 8-Ära in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten (1950er bis 1980er Jahre). Damit widmet er sich am historischen Beispiel der Schnittstelle zwischen konkreter Verwendungspraxis und deren individueller Bedeutungsaufladung durch die Akteure. Die Erforschung der Alltagspraxen von Produktion und Vorführung gilt nach Richard Chalfen und dem »semiopragmatischen« Analysemodell Roger Odins als unerlässlich für ein Verständnis des filmischen Gesamtensembles. Privat-familiale Schmalfilme sind dabei im Sinne Chalfens als Akte symbolischer Kommunikation zu verstehen, deren funktionale Verwendungszusammenhänge mindestens gleichberechtigt neben dem filmischen Text stehen. Daher soll hier auf qualitative, leitfadengestützte Interviews zu den filmischen Alltagspraxen der Familien zurückgegriffen werden, um der Bedeutung und alltagspraktischen Umsetzung der Filmverwendung nachzugehen.

Wir gehen in unserem Beitrag davon aus, dass die Rezeption der privaten Filme eher Ausnahme als Regel blieb – die Bilder wurden wenige Male betrachtet und verschwanden im Anschluss auf dem Speicher. Ein möglicher Grund für dieses Paradoxon ist in einem Funktionswandel der Vorführungs­situation zu suchen. Wenngleich auch die Bilder hauptsächlich zum Zwecke der Erinnerung angefertigt wurden (so die Selbstaussagen der Akteure), so dienten die Filme doch bei einer Vorführung in zeitlicher Nähe zur Aufnahme weniger dem Erinnern als einem Moment des ›Teilens‹. Hier zeigt sich Roger Odins Definition des »film de famille« einer Modifikation bedürftig, denn angesichts unserer ersten Befunde entstehen die Filme nicht nur für und durch Familien über familial Bedeutsames, sondern auch für ein erweitertes Publikum aus Freunden und Nachbarn – was Einfluss auf die soziale Funktionalität und Bedeutungshaftigkeit gemeinsamer Filmsichtungen hat.

Zwar ist der Zweck der Erinnerung bei zeitnaher Verwendung nicht vollkommen ohne Belang, aber das Teilen privater Bilder diente nicht zuletzt der Selbstrepräsentation – es wurde in erster Linie geteilt, um zu renommieren, sich ›in Szene‹ zu setzen, kurz: um eine »Evidenz des guten Lebens« (nach Stefan Guschker) zu vermitteln. Die Stereotypie privater Bilder dient in diesem Sinne der interpersonellen Verständlichkeit auf einer synchronen wie diachronen Zeitachse (so bereits Bourdieus Befund zu den »sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie«). Erst mit zeitlichem Abstand verstärkt sich die Erinnerungsfunktion, die Filme werden zu nostalgischen Kleinodien, die Erinnerungen an vergangene Lebenswelten wachrufen. Aus historischer Perspektive wird damit José van Dijcks (2008) Diktum kritisch beleuchtet, dass das Teilen bevorzugter Modus und originäres Merkmal digitaler Bilder sei. Stattdessen ähneln sich manche Verwendungspraxen analoger und digitaler Privatbilder: So dienen z.B. auch Handyfilme meist einer ausschließlich zeitnahen, ›teilenden‹ Verwendung und werden ähnlich mangelhaft gesichert, wie Befunde des SNF-Projekts zu Handyfilmen am Zürcher ISEK nahelegen.

Michael Geuenich, M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Universität Münster. Seit 2014 Dissertationsforschung zu Familienbildern in privaten Schmalfilmen im Lichte des sog. ›Wertewandels‹ in der BRD. Mehrere Vorträge und Artikel in Zeitschriften und Sammelbänden zu verschiedenen Aspekten privat-familialer Nutzung von Schmalfilmen.

Sebastian Thalheim, M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Volkskunde/Europäische Ethnologie der Universität Münster. Seit 2014 Dissertationsforschung zu Reproduktion und Eigen-Sinn als visuelle Alltagspraxen im ostdeutschen Schmalfilm der 1970er Jahre. Neben filmpraktischen Seminaren und Lehrveranstaltungen zum ethnographischen Film Mitarbeit an mehreren professionellen Filmproduktionen.

Advertisements