Prof. Dr. Ramón Reichert

Bewegtbilder als Grenzobjekte. Eine Theorie der Praxis des Video-Sharing

Das Feld des Video-Sharing auf Video-Portalen im Internet besteht aus einer Vielzahl von Akteuren, Medien, Technologien und Praktiken. Das von Susan L. Star und James R. Griesemer entwickelte Konzept der Grenzobjekte („boundary objects“) kann als fruchtbarer Ansatz verstanden werden, um den Handlungsbezug zwischen heterogenen technischen und kulturellen Praktiken, sozialen Gruppen und heterogenen Interessen auf VideoSharingPortalen theoretisch zu modellieren. Bei Grenzobjekten handelt es sich um Objekte, die in lokalen Anwendungen konkret und zweckgerichtet verwendet werden, aber zugleich in einer umfassenderen Zirkulation zur Verfügung stehen, ohne dabei ihre Identität zu verlieren. Grenzobjekte gehen aber nicht alleine aus dem menschlichen Handeln hervor, sondern können auch von nicht-menschlichen Akteuren vermittelt, organisiert und verwaltet werden. So gesehen können auch technische Schnittstellen wie etwa das Video-Portal YouTube ein kollektiv geteiltes Grenzobjekt bilden.

Wenn auf Video-Portalen geteilte Bewegtbilder als Grenzobjekte geltend gemacht werden, dann heißt das zunächst, dass sie nicht mehr als Gegenstände aufgefasst werden können, die dem Subjekt gegenüberstehen und von diesem als losgelöst betrachtet werden können. Wenn davon ausgegangen werden kann, dass auf Video-Portalen geteilte Bewegtbilder praktisch erzeugt werden und ihnen eine performative Komponente inhäriert, dann verweisen sie immer auch auf ein Handeln und werden von Handelnden hervorgebracht, die nicht nur handeln, sondern in ihrer Praxis auch fortwährend anzeigen, was sie tun. In performativer Hinsicht werden mit Online-Videos immer auch Handlungen vollzogen und Tatsachen geschaffen, die gelingen oder fehlschlagen können. Sie gehen aus sozialen Interaktionen hervor, mit denen Handelnde ihre Handlungen für sich selbst und andere Handelnde wahrnehmbar machen und sind dementsprechend weder ‚gegeben‘ noch einfach ‚vorhanden‘, sondern werden immer auch durch reflexive Weise in den Handlungen selbst erzeugt. Aufgrund ihrer Einbettung in kulturelle Bedeutungsprozesse können Online-Videos daher nicht isoliert als eine abgeschlossene Werk-Entität eines Autors betrachtet werden, sondern können als eine performative Variable aufgefasst werden, die in multilateralen Aushandlungsprozessen, Kontroversen und Grenzziehungen zirkuliert.

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