Prof. Dr. Thomas Hengartner

Die Ich-Konsole: Wie aus dem Yuppie-Lutscher ein Selbstausdrucks- und -speicherungsmedium wurde. Ein Beitrag zur Selbst-Technik-Geschichte.

Die Bedeutung von Bewegt-Bildern auf und aus dem Handy ist untrennbar verknüpft mit der Geschichte der Bedeutungseinschreibungen in ein technisches Artefakt, das als Notfallmedium seine Karriere begann und mittlerweile zur Ich-Konsole geworden ist.

Seit sich das Handy vom Auto emanzipiert bzw. aus ihm fortbewegt hat (immerhin erinnert die schweizerische Bezeichnung für Handies als „NATEL“ – ein Akronym für „Nationales Autotelefon noch an diese kofferschwere und -große Vergangenheit), hat es sich zunehmend zum Selbstausdrucksmedium par excellence entwickelt. Dass es dabei in erheblichem Masse vom Festnetztelefon gelernt hat, ist nicht von der Hand zu weisen: Das Spektrum reicht von der telefonisch beschworenen Liebensmagie bis zu den Versuchen hochexpressiver Selbstausdruckformen in Anrufbeantworteransagen… Vor allem aber hat die Befreiung des Festnetztelefons von der Schnur zu einer Intimisierung des Settings von Telefonaten wie von deren Inhalten geführt – eine Bedeutung- und Nutzungsveränderung, die für die Aushandlung des Handys von entscheidender Bedeutung war, liegt doch genau darin einer der Schlüssel das zunächst Ungewohnte, nämlich überhaupt noch Telefonate (egal welchen Inhalts) mitzuhören, zu verstehen.

Der Vortrag geht solche Spuren ebenso nach wie Fragen, wie aus dem informellen schriftlichen Kommunizieren per SMS zunächst eine expressiv-katalytisch komprimierte Form der Beziehungsgestaltung werden konnte; er fragt nach Tempi und Rhythmen der Kommunikation per Handy und danach, wie technische Möglichkeiten und kommunikatives Handeln sich im Handy amalgamieren. Nicht zuletzt wird zu fragen sein, wie sich dank digitaler Devices eine Kulturtechnik der Selbstspeicherung etablieren konnte, die u.a. davon profitiert, dass Technisches im wörtlichen wie im übertragenen Sinn zur Erweiterung des Körperschemas geworden ist.

 

Thomas Hengartner, Jg. 1960, Studium der Volkskunde und Dialektologie der deutschen Schweiz, Neueren Deutschen Literatur und Schweizergeschichte in Bern, Promotion 1989 mit einer Arbeit zur Volkskunde des Religiösen (Gott und die Welt im Emmental), 1996 Habilitation mit einer Arbeit zur Wissensproduktion zu Stadt und Urbanität im sozial- und kulturwissenschaftlichen, namentlich im volkskundlichen Kontext (Forschungsfeld Stadt) an der Universität Bern. 1996-2010 Professur für Volkskunde an der Universität Hamburg, st. 2010 Ordinarius für Volkskunde und Leiter des Instituts für Populäre Kulturen (seit 2013 Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft) der Universität Zürich. 2002 Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Forschungsschwerpunkte: Research on Culture and Technology; Urban Anthropology; Consumption and Addiction-Studies; Sound-Studies; Religious Culture.

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