Stephan Grundei, M.A. und Dr. Renée Winter

Amateurvideos sammeln. Das AV-Archiv als Kommunikationsraum
Stephan Grundei, Renée Winter, Österreichische Mediathek

Im Rahmen des Projekts „The changing role of audio-visual archives in the public space“ werden in der Österreichischen Mediathek seit 2014 private Videoaufnahmen gesammelt, digitalisiert und langzeitarchiviert. Damit finden erstmals in großem Umfang privat hergestellte Quellen Eingang in die Sammlung des öffentlich zugänglichen Archivs. Dem gesetzlichen Auftrag das audiovisuelle Kulturerbe Österreichs zu sammeln und zu bewahren kam die Österreichische Mediathek bisher vor allem über die Sammlung bereits publizierten Materials nach.

Neben grundsätzlichen Fragen, die sich einem öffentlichen audiovisuellen Archiv stellen (Was gehört zum „audiovisuellen Kulturerbe“ – insbesondere in Zeiten der Explosion der Bewegtbildproduktion?) umfassen die pragmatischen Aspekte der Archivierung und Zugänglichmachung dieser Dokumente vor allem technische und rechtliche Fragen. Der Großteil des Materials wurde in den 1980er und 1990er Jahren hergestellt und wurde damit auf Video-Formaten aufgenommen, deren Abspielbarkeit mit jedem Jahr weniger gewährleistet werden kann. Schon jetzt ist das Material vieler Bänder schadhaft, darüber hinaus gestaltet sich die Suche nach geeigneten Abspielgeräten teilweise als äußerst schwierig. Nur ein Teil der in den 1980er und 1990er Jahren hergestellten Videoaufnahmen kann überhaupt noch digitalisiert und damit langzeitarchiviert werden. Darüber hinaus kommen Urheber- und Persönlichkeitsschutzrechte ins Spiel und können die Zugänglichkeit der Dokumente einschränken.

Die Bedeutung der Aufnahmen, deren ursprüngliche Funktion vor allem in der Gedächtnisproduktion von Personen oder sozialen Gruppen (Familien, Freundeskreise, politische Gruppen, Ausbildungs- und Arbeitszusammenhänge etc.) lag, wandelt sich mit dem Eintritt ins Archiv. Roger Odin beschäftigte sich mit der Frage, wie sich die Lektüremodi von Home Movies und Videos verändern, wenn sie sich in andere Kontexte, wie das Internet, das Fernsehen oder eben das Archiv bewegen. Wird die private Aufnahme – wie im Fall des Projekts an der Österreichischen Mediathek – im öffentlichen Archiv gesammelt, aufbewahrt, gesichtet und beforscht, betritt sie, so Odin, zwei neue Kommunikationsräume, den „documentary space“ und/oder den „collective memory space“ und wird als historisches Dokument bzw. als Stimulator von kollektivem, meist regionalem, Gedächtnis gelesen. Dennoch, so wird anhand von Beispielen gezeigt, sind den Aufnahmen ihre ursprünglichen Gebrauchsweisen eingeschrieben, womit sie Hinweise auf historische Funktionen von audiovisuellen Medien im Alltagsleben geben können.

Roger Odin: The Home Movie and Space of Communication, in: Amateur Filmmaking. The Home Movie, the Archive, the Web, hg. v. Laura Rascaroli, Gwenda Young (with Barry Monahan), New York/London 2014, 15-26.

Mag. Stephan Grundei ist Medienarchivar und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Mediathek. Die Schwerpunkte seines Studiums der Geschichte (1998-2004, Universität Wien) lagen in den Gebieten audiovisuelle Medienarchive, Zeitgeschichte und Mediävistik. Wissenschaftliche Mitarbeit an Projekten des ORF, Montreal Holocaust Memorial Center, ÖGBK (Österreichische Gesellschaft für Bildung und Kommunikation) und der Österreichischen Mediathek. Studium des Masterlehrgangs „Politische Kommunikation“ (2012-2014, Donauuniversität Krems).

Mag.a Dr.in Renée Winter ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Mediathek. 2014 publizierte sie ihre Dissertation unter dem Titel „Geschichtspolitiken und Fernsehen. Repräsentationen des Nationalsozialismus im frühen österreichischen TV (1955-1970)“ (Theodor Körner-Preis 2013; Irma Rosenberg-Preis 2014). Lehraufträge am Institut für Zeitgeschichte und für Theater-, Film- und Medienwissenschaften der Universität Wien, Kunstuniversität Linz und Paris-Lodron-Universität Salzburg. 2011 war sie Junior Visiting Fellow am IGRS (Institute of Germanic and Romance Studies, School of Advanced Study, University of London). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Mediengeschichte und -theorie, Gender, Nachgeschichte des Nationalsozialismus und Migration/Postkolonialismus.

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